Alles Zirkus oder doch lieber Basis?

Häufiger kommt es in meinem reiterlichen Umfeld vor, dass Zirkuslektionen das „Nonplus-Ultra“zu sein scheinen und nahezu jeder möchte, dass sein Pferd auch so schöne Kunststückchen  kann. Vielfach wird auch von Trainern propagiert, dass Zirkuslektionen die Beziehung zum Pferd fördern und dass man sein Pferd gleichzeitig damit gymnastizieren kann. Das mag vielleicht zutreffen und es mag Pferde geben, die sich dafür anbieten.

Im normalen Freizeitreiter-Alltag erlebe ich aber einerseits, dass der tägliche Umgang mit dem Pferd schon nicht klappt und es fast schon an ein Wunder grenzt, dass sich nicht mehr Reiter und Pferde verletzen. Andererseits sehe ich durchaus auch Pferdemenschen, die ihrem Pferd das eine oder andere Kunststück beigebracht haben. Die wiederum teilen sich auf in diejenigen, die es wirklich gut machen und in diejenigen, die es a) auf abzulehnende  Weise dem Pferd beigebracht haben und b) ihr Pferd eher als Marionette und Instrument zur Selbstdarstellung nutzen.

Auch ich war früher sehr beeindruckt, wenn ich jemanden sah, der Kunststücke mit seinem Pferd machen konnte. Solange bis ich sah, wie die Pferde teilweise dazu gebracht werden und wie sie immer wieder ihr Programm abspulen müssen. Da gibt es Internetseiten von selbsternannten Horseman oder Pferdeflüsterern, die seitenlang beschreiben, wie wichtig ihnen die Beziehung zum Partner Pferd ist. Zudem wird in Kursen gerne vermittelt, wie man dies alles spielerisch auch seinem eigenen Pferd beibringen kann. Da scheut man sich nicht, Bilder zu zeigen, wie das Pferd zu dritt und mit diversen Stricken verzurrt ins Kompliment gebracht wird. Und das Alles mit der Überzeugung gutes Horsemanship zu bieten.

Nun habe ich grundsätzlich gar nichts gegen Zirkuslektionen, solange die Würde des Pferdes gewahrt wird. Wichtig ist mir zudem, dass eine Sensibilität dafür entwickelt wird, wie es dem Pferd beigebracht wird, wie sich das Pferd dabei fühlt und was will ich eigentlich mit dem Einstudieren von Zirkuslektionen erreichen?

Aus meiner Sicht haben Zirkuslektionen, die letztendlich nichts anderes als eine Dressur sind, im Freizeitreiter-Alltag keinen nennenswerten Nutzen. Viel wichtiger ist mir ein sicheres, zuverlässiges Pferd im täglichen Umgang, im Gelände oder in der Reitbahn. Dazu braucht es eine solide Basisausbildung, die zugegebenermaßen ziemlich unspektakulär ist. Man kann sie sich aber gemeinsam mit dem Partner Pferd erarbeiten, indem man auch auf die vielen kleinen Dinge im Umgang mit dem Pferd achtet und sich Fragen stellt wie: „Fühlt es sich in seiner Umgebung wohl? Bin ich grob oder feinfühlig mit ihm? Wie führe ich mein Pferd oder führe ich überhaupt? Quetsche ich ihm beim Halftern/Trensen die Ohren? Habe ich einen Plan, wie mein Pferd selbstsicherer, geschmeidiger wird?“

Diese Liste lässt sich beliebig erweitern. Doch eins ist vor allem wichtig. Ich muss stets an mir selbst arbeiten und wenn etwas nicht klappt, immer wieder zur Basis zurückkehren. Ja, das ist unspektakulär, ist aber uneingeschränkt auch der Tenor sehr erfahrener Pferdemenschen, wie z.B. Frederic Pignon, der ganz wundervoll und geradezu magisch anmutend mit seinen Pferden arbeitet.

In diesem Sinne

RESPECT YOUR HORSE

2 Gedanken zu “Alles Zirkus oder doch lieber Basis?

  1. Birgit Thies schreibt:

    Die Grenzen verwischen sich schnell zwischen Sinn und Unsinn in der Zirsensik. Ich möchte Dir gerne einmal meine Geschichte erzählen
    Meine Stute habe ich im Alter von 2 Jahren bekommen. Ich hatte einen schönen Platz in einem neuen Privatstall und großen Koppeln für viel Auslauf. Meine Maus war täglich von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit draußen in einem kleinen Herdenverband. Das erste Frühjahr war fürchterlich verregnet und einen Reitplatz oder Roundpen hatten wir nicht. Ich übte regelmäßig alles was zum Fohlen ABC gehörte und wir machten Fortschritte. Doch was Führbarkeit beim wechsel auf eine andere Koppel oder gar ein Spaziergang anging….no go. Sie ist mir mächtig auf der Nase rum getanzt. So haben wir angefangen in der vertrauten Stallgasse unsere ersten Lektionen zu erlernen. Dies ging über Fingerzeig zum Hufheben dann zum Vorderbein strecken bis zum spanischen Gruß. Dies machte ihr sichtlich Spaß und nach einigen Tagen fing sie an auf der Koppel alleine ihre erlernten „Kunststücke“ zu zeigen. Wir haben immer wieder mal an unschönen Tagen an solchen Tricks gearbeitet und diese Art der Kopfarbeit hat uns geholfen Vertrauen aufzubauen und den Anfang zu Ihrer Ausbildung am Boden bereitet. Wir sind, als sie 3 wurde, umgezogen in einen netten Stall mit Halle. Dort fing ihre Ausbildung am Boden an. Sie war genauso wissbegierig bei den verschiedenen Übungen wie zuvor und mittlerweile setzt sie sogar unter mir ihre erlernten Lektionen um. Zwangfrei und von alleine. Und ja….wir lieben es uns zu präsentieren. Wobei ich oft das Gefühl habe das sie es mehr liebt als ich. Friesendiva eben….

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